Der in den 1960er-Jahren entdeckte Schädel aus der Petralona-Höhle in Griechenland zählt zu den bekanntesten, aber auch umstrittensten Fossilien Europas. Jahrzehntelang rätselten Forschende über sein Alter und seine Zugehörigkeit innerhalb der Gattung Homo. Neue Analysen liefern nun entscheidende Antworten.
Petralona-Höhle mit historischen Entdeckungen
Das Rätsel um den Schädel aus der Petralona-Höhle in Nordgriechenland umfasst zwei zentrale Fragen. Erstens: Obwohl der Fund zweifellos der Gattung Homo zugeordnet werden kann, zeigt er morphologische Merkmale, die ihn sowohl von Neandertalern als auch von anatomisch modernen Menschen deutlich unterscheiden. Zweitens: Die Altersbestimmung bleibt umstritten. Frühere Schätzungen schwankten zwischen etwa 170.000 und 700.000 Jahren.
Die Petralona-Höhle, bekannt für ihre reichhaltigen Tropfsteinformationen und fossilen Ablagerungen, wurde in den 1950er-Jahren erstmals archäologisch untersucht und zählt heute zu den bedeutendsten Fundorten für die Erforschung der europäischen Frühmenschen. Der Schädel, international als „Petralona 1“ bezeichnet, liefert somit einen einzigartigen, aber bislang schwer einzuordnenden Einblick in die Evolution des Menschen.
Wissenschaftler untersuchen Kalzitablagerungen
In der Studie „New U-series dates on the Petralona cranium, a key fossil in European human evolution” legen Wissenschaftler neue U-Serien-Datierungen vor, die direkt an dem Kazit durchgeführt wurden, der sich auf dem berühmten Schädel aus der Petralona-Höhle gebildet hat. Ziel war es, belastbare Angaben zum Alter des Fossils zu gewinnen.
Die U-Reihen-Datierung basiert auf dem Zerfall von Uranisotopen zu Thorium, dessen Halbwertszeit präzise bekannt ist. Durch die Analyse des Uran-Thorium-Verhältnisses lässt sich berechnen, wann sich eine mineralische Ablagerung gebildet hat. Im Gegensatz zu Sedimenten, die durch kontinuierliche Umweltzufuhr von Uran verunreinigt sind, stellen Höhlenablagerungen ein geschlossenes System dar: Sickerwasser bringt gelöstes Uran, das beim Verdunsten in Kalzitkrusten eingelagert wird, während Thorium zurückbleibt. Anschließend zerfällt das Uran kontinuierlich zu Thorium, wodurch jede Schicht ein „Startdatum“ erhält.
Für die Untersuchung wurden Proben sowohl von der Kalzitkruste des Schädels als auch von Speläothemen und Kalzitablagerungen in verschiedenen Bereichen der Höhle entnommen, darunter die sogenannte Mausoleumskammer, in der der Schädel einst befestigt war, sowie angrenzende Korridore. Diese Daten liefern einen minimalen zeitlichen Rahmen für die Ablagerungen und ermöglichen eine genauere Eingrenzung des Alters des Schädels, der seit seiner Entdeckung 1960 kontrovers diskutiert wird.
Forscher legen sich auf ein Mindestalter fest
Die Datierung der Kalzitkruste auf dem Petralona-Schädel weist ein Mindestalter von 286.000 ± 9.000 Jahre auf. Da die Methode lediglich den Beginn der Kalzitbildung erfasst, könnte der Schädel jedoch schon deutlich länger in der Höhle gelegen haben. Vergleichende Analysen anderer Höhlenablagerungen dienen daher als Referenz: Stalagmiten in der Mausoleumskammer ergaben Werte von 510.000 ± 29.000 Jahre an der Oberfläche und >650.000 Jahre im Inneren, was darauf hinweist, dass die Überkrustung des Schädels erst lange nach der Höhlenbildung einsetzte.
Stratigraphische Daten aus dem Dardanellen-Pass zeigen zusätzlich Schichten zwischen 410.000 ± 6000 Jahre und 228.000 ± 1000 Jahre. Insgesamt ergibt sich ein möglicher Altersrahmen zwischen 539.000 und 277.000 Jahre, abhängig davon, ob der Schädel ursprünglich an der Wand befestigt war. Die Autoren schließen, dass der Petralona-Hominide einer eigenständigen, archaischen Linie zuzuordnen ist, die zeitweise parallel zur Entwicklung der Neandertaler im Mittelpleistozän Europas existierte.
Bildquelle: Von Nadina – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10409260



